Muhammad Iqbal – Dichter-Philosoph und Denker

Allama Muhammad iqbal (c) Lahore MuseumMuhammad Iqbal wurde am 9. November 1877 in Sialkot, in der Provinz Punjab geboren. Seine Vorfahren, Angehörige der Brahmanen aus der Kaschmir-Region, waren mehr als vier Jahrhunderte zuvor zum Islam konvertiert. Vermutlich war es Muhammad Iqbals Großvater, Shaikh Rafiq der mit seiner Familie irgendwann nach 1857 von Looehar in Kaschmir nach Sialkot ging, um dort zu leben, weil sich die Lebensbedingungen der Muslime insbesondere im Norden Kaschmirs unter der Herrschaft des Maharajas Ghulam Singh als Teil von Britisch-Indien verschlechtert hatten. Shaikh Rafiq war ein Verkäufer von Kaschmir-Schals und hatte zwei Söhne, Shaikh Ghulam Qadir und Shaikh Nur Muhammad, der als Schneider arbeitete.

Kindheit in Sialkot

Nur Muhammad, Muhammad Iqbals Vater, wurde als „parh falsafī“ bezeichnet, als „ungelernter Philosoph“, der bekannt gewesen sein soll für seine Frömmigkeit und seine Kenntnis über die Mystik. Die Mutter Iqbals, Imam Bibi, war ebenfalls als fromme Frau bekannt. Beide Eltern Iqbals verfügten nur über eine rudimentäre Bildung. Das Paar hatte drei Töchter und zwei Söhne – neben Muhammad den älteren Sohn Atta Muhammad (geb. 1860). Die Heirat Attas mit der Tochter eines Offiziers der Britisch-Indischen Armee im Ruhestand ließ die Familie in die Mittelklasse der Gesellschaft aufsteigen.

Im Alter von vier Jahren lernte Muhammad Iqbal in der Moschee den Koran zu lesen. Iqbal besuchte danach die Madrasa und beschäftigte sich vor allem mit dem Koran. Sein Lehrer wurde Sayyid Mir Hassan (1844-1929), der später Professor für Arabische Sprache am Scotch Mission College in Sialkot werden sollte und ein Gelehrter des Korans, des Hadiths und islamischer Sprachen war. Es war Sayyid Mir Hassan, der Iqbals Vater davon überzeugte, seinen Sohn auf das Scotch Mission College zu schicken, in das Iqbal 1893 eintrat. Hier lernte Iqbal von seinem Lehrer insbesondere die Feinheiten der Dichtung in Urdu und Persisch kennen und pflegte Kontakte zum Großmeister der Urdu-Dichtung Nawab Mirza Khan (1831-1905), der bescheinigt haben soll, dass die Dichtung des jungen Iqbal keinen Raum für Verbesserung ließe.


Jugend in Lahore

1892 arrangierten Iqbals Eltern eine Heirat mit Karim Bibi, der Tochter eines Arztes aus Gujrat. Das Paar bekam drei Kinder, Miraj (1896-1914) und Aftab (1898-1979), der einen ähnlichen Weg wie sein Vater einschlug und Philosophie und Recht studieren sollte, und ein drittes Kind, das kurz nach seiner Geburt im Jahr 1901 gestorben ist. Muhammad Iqbal und Karim Bibi waren über zwanzig Jahre ein Paar. In dieser Zeit zog die Familie nach Lahore. Dort studierte Iqbal Englische Literatur, Philosophie und Arabische Sprache am Government College. Auf seinen B.A. Abschluss folgte ein Master in Philosophie im Jahre 1899. Am Oriental College in Lahore unterrichtete Iqbal dann Geschichte, Philosophie und Wirtschaft und blieb dort bis 1904. Währenddessen war Iqbal ebenfalls Assistenzprofessor für Englisch an seiner Almer Mater. Hier lernte Iqbal Sir Thomas Arnold kennen, der Iqbal antrieb zu forschen und zu publizieren. Während der Zeit am Government College arbeitete Iqbal über „al-insān al-kāmil“ („der vollkommene Mensch“) des Mystikers ʿAbd al-Karīm al-Ǧīlī, übersetzte aus dem Englischen ins Urdu und schrieb das erste Buch über die Prinzipien der Ökonomie, das auf Urdu erschienen ist.


Iqbal in Europa

Sir Thomas Arnold war es dann auch, der Iqbal dazu bewegte nach Europe zu gehen, um dort zu studieren. 1905 gelangte Iqbal nach Cambridge, das zu jener Zeit das Zentrum für Arabische und Persische Studien war. Hier lernte Iqbal u. a. den Philosophen McTaggart und den Orientalisten Reynold A. Nicholson kennen, der später Iqbals Werk „Asrār-i ḫūdī“ („The Secrets of the Self“, erschienen 1920) übersetzte. Während Arnolds Abwesenheit vertrat ihn Iqbal als Professor für Arabische Sprache. In London schrieb sich Iqbal für ein Jurastudium im Lincoln᾿s Inn ein und durch Arnolds Vorschlag promovierte Iqbal bei Fritz Hommel in München. Iqbals Dissertation „The Development of Metaphysics in Persia“ wurde 1908 in London veröffentlicht. Im gleichen Jahr wurde Muhammad Iqbal von der Anwaltskammer von London zugelassen. Iqbal lebte in dieser Zeit auch in Deutschland. In Heidelberg erinnert das nach ihm benannte Iqbal-Ufer an den Dichter-Philosophen. Eine Plakette an der Neuenheimer Landstraße 58 erinnert an den Ort, an dem Iqbal einige Zeit im Jahr 1907 verbrachte und innerhalb von drei Monaten Deutsch lernte. Seine Lehrerin, Emma Wagenast, machte Iqbal mit Goethe, Heine und Nietzsche vertraut und er verliebte sich in sie. Das Iqbal-Denkmal am Habsburgerplatz in München, geschaffen von Karl Oppenrieder, erinnert ebenfalls an Iqbals Zeit in Deutschland. Es ist seine Zeit in Europa, die ihn maßgeblich prägen sollte.

Der Ruf der Heimat und das Schicksal der muslimischen Gemeinschaft

Muhammad Iqbal ließ sich nach seiner Rückkehr in Lahore nieder und begann als Rechtsanwalt zu praktizieren. Für eine Weile unterrichtete er ebenfalls Philosophie an seiner Almer Mater. In der ersten Zeit verfasste Iqbal kaum Gedichte. Er war damit beschäftigt, seinen Lebensunterhalt zu verdienen und sein Privatleben zu ordnen. Seine erste Ehe scheiterte und die zweite 1910 geschlossene Ehe mit Sardar Begum endete ebenfalls unglücklich, sodass er 1913 eine dritte Ehe mit Mukhtar Begum einging. Die Erlebnisse in Europa, die Ereignisse auf der weltpolitischen Bühne und in seinem Privatleben schienen Muhammad Iqbal zu motivieren, Antworten auf drängende Fragen zu finden. Es begann der Höhepunkt seiner literarischen Schaffenskraft. Mit Asrār-i ḫūdī spricht Iqbal 1915 die Gesamtheit der Muslime weltweit an: es geht ihm um Selbstverwirklichung durch Selbsterkenntnis, die Verwirklichung einer Gemeinschaft und die Ausbildung des Menschen als Individuum und als Teil seiner Gemeinschaft. 1930 erschien Iqbals großes Werk „Six Lectures on the Reconstruction of Religious Thought in Islam“, das auf die Vorlesungen zurückgeht, die er 1928 an den Universitäten Aligarh, Delhi und Madras gehalten hatte. Darin ruft er dazu auf das islamische Denken in Anbetracht der wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen des beginnenden 20. Jahrhunderts neu zu betrachten.

Iqbal war in dieser Zeit nicht nur literarisch tätig, sondern engagierte sich ebenfalls politisch und sozial. Er hielt Reden und Vorträge, lehrte und äußerte sich zu weltpolitischen Angelegenheiten. Von 1926 bis 1930 wurde er als Vertreter in den gesetzgebenden Rat von Punjab gewählt. Er spielte ebenfalls eine wichtige Rolle in der Formierung der All-Indian Muslim League und ihrer Entwicklung als Indiens größte muslimische Partei. Iqbal trat bei Konflikten zwischen Hindus und Muslimen stets vermittelnd auf. War er zunächst noch Vertreter einer staatlichen Einheit, unter der Hindus und Muslime leben sollten, so tendierte er mehr und mehr dazu, die Muslime dazu aufzurufen, das Geschick der Gemeinschaft in die eigene Hand zu nehmen, ähnlich wie dies schließlich auch Mahatma Gandhi vertrat. Im Jahr 1930 hielt Iqbal als Präsident der jährlichen Versammlung der All-India Muslim League die sogenannte Rede von Allahabad, in der er sich für einen eigenen Staat der Muslime im Nordwesten Indiens aussprach. 1931 und 32 reiste Iqbal zu den Round-Table-Konferenzen nach London, um mit anderen über die Zukunft Indiens zu beraten. Während dieser Zeit besuchte er Frankreich, wo er den Philosophen Bergson traf, außerdem Spanien, Italien, Ägypten und Palästina. 1933 besuchte er Afghanistan, um den afghanischen König Nadir Shah bezüglich einer Reformierung des Bildungssystems des Landes zu beraten.

Die Staatsgründung Pakistans 1947 erlebte Muhammad Iqbal nicht mehr mit, doch wird er als geistiger Vater der Nation verehrt und als Nationaldichter geschätzt. Am 21. April 1938 verstarb Muhammad Iqbal in Lahore.

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